Märchen vom Tod, der untertauchte

Märchen vom Tod, der untertauchte

So lange es Lebewesen gibt, existiert auch der Tod. Seit Milliarden von Jahren verrichtet er nun schon sein Werk und beklagte sich nie. Dabei ist seine Aufgabe alles andere als einfach. Wo immer er erscheint, wird er gefürchtet und erfährt heftigen Widerstand.Die Menschen versuchen, ihn immer öfter in Krankenhäusern mit Technik zu überlisten, so dass er manchmal ein zweites oder drittes Mal kommen muss, um seine Arbeit zu vollenden. In Zeiten von Kriegen hat er so viel zu tun, dass auch er erschöpft ist, doch nirgendwo erfährt er Einlass, um sich auszuruhen. Und neuerdings sind es die Menschen selbst, die immer mehr Naturkatastrophen verursachen, dann muss er sich um Mensch und Tier gleichzeitig kümmern. Früher hatten die Menschen auch mehr Achtung vor ihm. Wenigstens das schenkte ihm etwas Anerkennung. Jetzt klettern sie auf zu hohe Berge, setzen sich in Flugzeuge und donnern mit schweren Maschinen viel zu schnell über die Landstraßen.

Als wenn er kein ernst zu nehmender Gegner sei, fordern sie ihn immer wieder heraus, statt das Leben zu schätzen. Und die, deren Zeit abgelaufen ist, kämpfen oft gegen ihn. Dabei hat ein jeder hier eine begrenzte Lebenszeit, welche die Seele kennt, bevor sie sich auf den Weg macht. Selbst Kinder und junge Menschen muss er manchmal mitnehmen. Auch ihm fällt das nicht leicht, wenn weinende Mütter am Bett sitzen, doch so wurde es vereinbart, lange bevor er kam.

Er hatte es sich anders vorgestellt, als Gott ihn vor Urzeiten bat, dieses Amt zu übernehmen und ewiglich zu wirken. Inzwischen fühlt er sich alt und ausgebrannt und ist es längst leid, das alles noch länger zu ertragen. Darum beschließt er fortzugehen, will seine Ruhe, wenigstens für eine gewisse Zeit. Er stellt es sich einfach vor unterzutauchen, denn suchen wird ihn wohl keiner. Vielleicht geht er gar nicht bis ans Ende der Welt, er könnte das schwarze Gewand tauschen und unter den Menschen bleiben. Manchmal hat es ihm ja recht gut bei ihnen gefallen. Er mag die duftenden Gärten und die tiefen Wälder, er mag den Gesang der Mädchen und das Lachen der Kinder. Ja, er wird sich in die Natur zurückziehen und sich dann und wann unter das Menschenvolk mischen. Welch guter Plan!

Und fortan holte der Tod die Menschen nicht mehr. Er beobachtete aus der Ferne ihre Feste, die sie feierten, als sie merkten, dass der Tod ausblieb. Immer übermütiger und waghalsiger wurden sie. Scherzend waren sie dabei, alle Grenzen zu brechen. Kein Risiko schien ihnen zu hoch, keine Lebensweise zu ungesund. Eine ganze Weile ging das gut. Die anfängliche Euphorie wich jedoch bald dem Erstaunen, dass der ausbleibende Tod keine ewige Jugend verhieß und auch vor Verletzungen nicht schützte. So nahm das Leid immer mehr zu, denn die Krankheit zog weiter durch das Land. Bald gab es mehr Kranke als Gesunde. Und die jungen Menschen kamen nicht zur Ruh, weil sie sich um die Alten kümmern mussten, die nicht starben, so sehr sie auch um Erlösung flehten.

Schon längst feierte keiner mehr. Und wohin man nun sah, gab es immer mehr Menschen und Tiere, die sich den Lebensraum streitig machten. Durch die Vielzahl von Tieren kamen neue Plagen hinzu, die das Leben erschwerten. Verunreinigte Flüsse, Insekten und Ungeziefer brachten Krankheiten zum Ausbruch, die bisher keiner kannte. Jegliche Harmonie im großen Rhythmus von Wachsen und Sterben war gestört, Siechtum und Elend machten sich breit. Auch dem Tod missfiel das sehr. Kein Gesang und kein Lachen mehr, der Übermut war lange schon vorbei. Jene Menschen, die noch dazu in der Lage waren, suchten nach Mitteln, um die Situation zu retten. Viele beteten, andere machten sich auf die Suche nach dem Tod. Er hörte oft ihre flehenden Rufe. Bald hatte er Einsicht, denn er wollte auch seinen beiden Kameraden, Alter und Krankheit, die viel zu viel gewordene Arbeit nicht länger zumuten. Also kehrte er zurück und zog wieder, seinen Auftrag verrichtend, durch das Land. Es würde eine Weile dauern, Ordnung in das Chaos zu bringen. Zuerst holte er alle, die flehten, erlöst zu werden.

Das Lächeln der Erleichterung, wenn er sie mit sich nahm, wärmte sein Herz. Die Menschen wussten ihn nun zu achten und das war gut so.

Diana Mirtschink