Männer und Trauer

Der überwiegende Teil von Trauernden, die nach einem Verlust Hilfe in Anspruch nehmen, sind Frauen. Und schaut man sich auf Friedhöfen um, dann findet sich eine Vielzahl von Bildnissen Trauernder Frauen. So könnte man meinen, für Männer ist die Trauer einfacher zu bewältigen, weil sie anders damit umgehen. Es gibt auch deutliche Unterschiede beim Umgang mit der Trauer zwischen Männern und Frauen, das heißt jedoch nicht, dass die Intensität geringer ausfällt.

Männer trauern anders. Sie wirken nach außen hin oft nicht so betroffen und reagieren meist mit erhöhter Aktivität auf Verlusterlebnisse. Die Rolle des starken Mannes als Beschützer und Versorger, der alles unter Kontrolle hat, erlaubt ihm nicht, Schwächen zu zeigen.

Während bei Frauen das Ausleben von Emotionen und über den Verlust zu sprechen eine große Rolle spielt, verschließen sich Männer eher vor Gefühlen und begegnen der Trauer meist mit vermehrter Arbeit oder Aktivitäten. So wird versucht die innere Leere im Außen zu füllen. Aktiv sein nimmt dem Mann im Moment tiefster Verzweiflung das Gefühl der Ohnmacht und das liegt Männern auch viel mehr, weil sie lösungsorientiert sind. Sie versuchen den Alltag zu beherrschen, um die Kontrolle nicht zu verlieren. Deshalb steht im Zentrum ihrer Trauer das Bewältigen konkreter Probleme. Zu handeln vermittelt dem Mann ein gewisses Maß an Sicherheit und gibt Halt im Gefühlschaos, welches er versucht nicht zu nah an sich heran zu lassen. Auf diese Weise versuchen Männer durch erhöhte Aktivität und vermehrte Arbeit auch oftmals der Realität zu entfliehen.

Schmerzhafte Gefühle verarbeiten Männer lieber für sich allein, selten werden diese anderen Menschen anvertraut. Sie benötigen Raum und Zeit dafür und ziehen sich daher gern zurück. Männer brauchen diese Zwischenräume, in denen sie sich dem Schmerz hingeben können. Solche Auszeiten, fern von Verantwortung und Scheinstärke, sind unendlich wichtig, um Kraft zu sammeln und sich mit dem Leid auf die eigene Art und Weise auseinander zu setzen, denn auch Männer tragen Ängste, Schmerz, Wut und all jene Emotionen in sich, die eine Trauer begleiten. Auch sie hadern mit dem Schicksal und stehen dem Verlust ohnmächtig gegenüber. Gefühle zeigen gilt für die meisten Männer jedoch als Zeichen von Schwäche und so versuchen sie vor allem im Berufsleben die Gefühle zu verbergen, um keine Angriffsfläche zu bieten. Aber auch im privaten Umfeld wollen sie ihrer Rolle entsprechend stark sein. Der Mann mit der Schulter zum Anlehnen, der Schutz und Sicherheit bietet, immer eine Lösung parat hat und auch in der Krise weiter weiß; das sind seine eigenen Ansprüche an sich und auch oft die Erwartungen der Familie an ihn. Was aber, wenn er keine Lösung hat, selbst nicht weiter weiß und die starke Schulter schon an der eigenen Last so schwer trägt? Hier wird er unweigerlich an seine Grenzen kommen und sollte sich dies eingestehen. Wenn ein trauernder Mann akzeptiert, dass er nicht für alles eine Antwort und Lösung parat haben kann und dass das Leid ausgehalten werden muss, wenn er nicht stecken bleibt in der dumpfen Schwere und im Rückzug vor der Welt und für sich eine Entlastung findet, dann ist dies zwar ein ohnmächtiger und sehr schmerzlicher Aspekt für ihn, aber er erhält hierdurch Zugang zu seinem tiefsten Innern, wie Frauen ihn über das Ausleben von Gefühlen erhalten.

Erwähnt werden sollte noch, dass es natürlich auch Männer gibt, die ihre Gefühle ausleben und zeigen können, so wie es Frauen gibt, die mehr auf die „männliche Art“ trauern. Jeder Mensch trägt männliche und weibliche Anteile in sich; den jeweils anderen Anteil zu integrieren ergibt ein inneres Gleichgewicht. Der Trauerprozess kann dafür ein wertvoller Indikator sein.

In jedem Fall sollte ein Mann,  der einen Verlust erfahren hat, seinen Bedürfnissen entsprechend und auf seine eigene, ganz unverwechselbare Art und Weise wertungs- und erwartungsfrei trauern dürfen.